Einen Bußgang machen? Was ist denn darunter zu verstehen? Ist das nicht ein wenig „old-school“ und aus der Zeit gefallen? Ich denke, ein wenig Erklärung wäre wohl angebracht, bevor ich fortfahre.
Der Begriff „Buße“ beschreibt im Kern die Abkehr von Fehlverhalten und die Hinwendung zu einer neuen Lebensweise. In der christlichen Theologie ist Buße ein positiver Prozess der Veränderung und Umkehr zu Gott. Nicht mehr und auch nicht weniger! Viele Menschen sind gerade in der heutigen Zeit auf Sinnsuche und einer neuen Art der Spiritualität. Ebenso wie andere Religionen bietet das Christentum eine breite Vielfalt davon. Da braucht man(n)/frau nicht unbedingt nach Indien oder Thailand zu fliegen. Es gibt so etwas ähnliches fast vor der Haustür! Und kostet nichts, nur ein wenig Mühe und Bereitschaft zum „Mit-Machen“.

Bei dem hiesigen Erinnerungs-Bußgang Hannover-Bergen/Belsen, der seit ca. 30 Jahren jährlich stattfindet, geht es im wesentlichen darum, unterwegs ein historisches Ereignis (Todesmärsche 1945 Hannover-Bergen-Belsen u.a.) zu reflektieren, auch wenn es nach 81 Jahren schmerzt, darüber nachzudenken, was die Grausamkeiten der 13-jährigen Nazi-Herrschaft mit den Menschen und in unserem Land angerichtet hat und welche Lehren wir für die Zukunft daraus ziehen sollten. Für Christen besteht auch die Chance, sich auf die Karwoche bzw. den Leidensweg des Jesus von Nazareth einzustimmen und ihm im übertragenen Sinne nachzufolgen.
Dabei beten wir mit den Füßen und schweigen unterwegs zeitweise mit den Lippen. Vor-Österliche Bußgänge oder Kreuzgänge gehören ja zum christlichen Brauchtum und werden immer noch, besonders in Süd-Deutschland, gepflegt. Der mehr protestantische geprägte Norden kann wenig damit anfangen, zumal der Reformator Martin Luther nicht gerade Freund der Pilgerei war.
Entsprechende Impulse zur Gesamt-Thematik erfolgen unterwegs an markanten Punkten. Der Bußgang ist explizit christlich-ökumenisch ausgerichtet und keine politische Veranstaltung im herkömmlichen Sinne! Er ist offen für alle, die mit festen Beinen auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen und das Recht auf die freie, ungehinderte Ausübung der Religionsfreiheit gem. Art. 4 GG ernst nehmen.
Wir sind deswegen auch keine besseren Menschen und können ohnehin nicht die Welt retten, aber die Bewegung auf dem Marsch „be-wegt“ auch unserer Inneres und kann zu einer Richtungs- oder Meinungsänderung im eigenen Leben führen. Das betrifft alle Bereiches unseres Daseins, die Natur, die Ressourcen der Erde und die nachhaltige Zukunft der Menschheit. Es ist vielleicht ein Wagnis oder gar eine Zumutung, aber es lohnt sich und ein Versuch macht klug. Und man kommt am Ende des Weges am Palmsonntag anders heraus, als man begonnen hat. Versprochen!
Dass man sich dabei ein paar Blasen an den Füßen bilden, gehört auch dazu. Na und? Auch das Übernachten im Schlafsack und auf Luftmatratze ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, sowie der Verzicht auf das gewohnte Essen. Wasser und Brot reichen völlig aus und können sogar einen positiven Effekt bewirken.
Der Erinnerungs-Bußgang Hannover-KZ Bergen-Belsen hat sich in den letzten ca. 40 Jahren etabliert und wird immer am Wochenende des Palmsonntag durchgeführt. Die beiden großen Kirchen haben sich in der Vergangenheit wenig für den Bußgang interessiert. Das ist kein Vorwurf, sondern lediglich eine Feststellung. Er ist ja auch eine Rarität im vielfältigen Gefüge der regionalen der NS-Erinnerungskultur.
In diesem Jahr gestaltete sich der Marsch wieder einmal positiv und im wahrsten Sinne des Wortes „be-wegend“. Zu Beginn, am 27.März, fanden sich im Kirchenzentrum Mühlenberg 23 unerschrockene PilgerInnen und Pilger ein. Nach einer Andacht, die mit dem irischen Pilgersegen endete, ging es zunächst zur St. Philippus-Gemeinde in Isernhagen NB-Süd. Unterwegs gab es einen Impuls oder Denk-Anstoß in der Nähe des Döhrener Turms. (Ermordung von KZ-Häfllingen auf dem Seelhorster Friedhof) Im weiteren Verlauf besuchten wir den Jüdischen Friedhof in Bothfeld, um gemeinsam den Psalm 22 AT zu beten. Danach gelangten wir zur St. Philippus-Gemeinde in Isernhagen NB-Süd, um zu übernachten.

Diese erste Etappe diente erfahrungsgemäß dem gegenseitigen Kennenlernen und einem abendlichen Gedankenaustausch. Daneben gab die übliche Vorschau auf die nächsten zwei Etappen.
Der Samstag, 28. März hatte es dann in sich! Nach der Morgenandacht trafen auch unsere unverzichtbaren „Schutzengel“ vom MHD Celle ein. Es waren ja immerhin ca. 30km zu bewältigen und man weiß nie, ob es unterwegs körperliche Probleme gibt. Das Wetter gestaltete sich im weiteren Verlauf recht unfreundlich, und wir wurden etwas nass. Es ging zunächst über Burgwedel – Fuhrberg zum kath. Gemeindeheim in Wietze. In Burgwedel wurde zunächst am Vormittag die traditionelle Gedenkveranstaltung in der Scheune der Pestalozzi-Stiftung besucht und der Weg nach Fuhrberg fortgesetzt. Dort erwartete uns Frau Scheffler mit ihren schmackhaften Pilgerbrötchen. Sie sind immer wieder ein lukullischer Höhepunkt des gesamten Marsches. Es ist eine alte Sitte, Pilgern etwas zu Essen anzubieten, um sie bei Kräften zu halten und das Vorhaben zu unterstützen.
Soweit gestärkt setzten wir den Weg zunächst nach Wiekenberg fort, um dort in der wunderschönen Stechinelli-Kapelle Einkehr zu halten. Die nächste Überraschung ! Die zuständige Küsterin, Frau Meier, erwartete uns, nach vorheriger Absprache, mit heißem Tee und etwas Schmalzgebäck. Die kleine Ortschaft liegt an einem Nord-Süd Jakobus-Pilgerweg.
Danach gelang es uns, mit dem Glockenschlag 18.00 Uhr das Gemeindehaus in Wietze zu erreichen. Endlich! Aber es war ein guter ereignisreicher Tag. Die übliche Abendrunde war relativ kurz. Die 30km hatten ihre Spuren hinterlassen. So früh habe ich mich in der Sakristei der Kirche „Maria-Hilfe der Christen selten zur Ruhe gelegt.
Der Palm-Sonntag, 29. März, begann mit der Morgenandacht, und wir nahmen anschließend den Weg nach Winsen unter die Füße. Nach einem kurzen Gedenken am Scheinhardt-Stein in Winsen führte uns der Weg vorbei an der Siedlung Gudehausen ein Stück durch den NATO-Truppen-Übungsplatz auf das eigentliche Lagergelände des ehem. KZ Bergen-Belsen. Unsere Küsterin und Pilgerschwester Rita hatte alles mit viel Liebe vorbereitet, sodass der Abschluss-Andacht nichts mehr im Wege stand. In diesem Jahr gedachten wir besonders dem Initiator des Bußgangs, Pfr. A. Przyrembel, sowie Pfr. G. Birken und Pfr. Lossau, die in prägender und nachhaltiger Weise mit der Aktion verbunden sind und immer sein werden.
Unsere Pilgerschwester Ulrike sang zum Abschied in Original-gälischer Sprache den irischen Pilgersegen in eindrucksvoller Art und Weise. Mit einem kleinen Frühlings-Strauß bekam jeder Teilnehmer noch ein Andenken mit in die Hand. Der Erinnerungs-Bußgang 2026 fand damit ein gutes und würdiges Ende.
Dank sei Gott!
Schon jetzt eintragen: Der nächste Bußgang findet vom 19. bis 21. März 2027 statt!
Ein Beitrag von Wolfgang Schwenzer
